Die Idee hinter Zwischenkulturen ist einfach: in der Landwirtschaft wird zwischen dem Anbau von zwei Hauptfrüchten eine andere Pflanze angebaut, um den Boden zu schützen, Nährstoffe zu speichern, Unkraut zu unterdrücken, die Bodenstruktur zu verbessern und Humus aufzubauen. Damit wird die Fruchtfolge bereichert und die Bodengesundheit gefördert. Sie dient entweder als Gründüngung für den Boden oder als Futter für Tiere. Zwischenkulturen sind fachlich sinnvoll, breit anerkannt und ein wichtiger Bestandteil nachhaltiger Bewirtschaftung.
Doch immer mehr Beispiele zeigen beispielsweise bei Zuckerrüben und das Arbeiten der Landwirte für Punkte im ökologischen Leistungsnachweis, wie eine gute Idee im System zerdrückt werden kann.
Wenn Punkte wichtiger werden als eigenes Fachwissen
Viele Betriebe planten im Frühling, nach dem Ernten der Zuckerrüben eine Zwischenkultur anzubauen – nicht nur aus Überzeugung, sondern auch, weil sie dafür Punkte im System des ökologischen Leistungsnachweises erhalten. Diese Punkte sind für Direktzahlungen des Bundes relevant. Ohne sie fehlen Beiträge, die für viele Höfe existenziell sind.
Die Regeln sind klar:
Die Zwischenkultur muss bis zu einem bestimmten Datum im Boden sein. Und sie darf bis zu einem anderen Stichtag nicht mehr bearbeitet werden.
Die Logik klingt einfach. Der Nutzen vermeintlich gross. Die Realität leider nicht.
Der Herbst war nass. Sehr nass. Die Böden schwer, die Felder kaum tragfähig. Fachlich wäre klar gewesen: Die Rüben noch etwas länger im Boden lassen, bis die Bedingungen stimmen und folglichdie Zwischenkultur später säen, wenn der Boden wieder befahrbar ist.
Doch solche Entscheidungen haben in einem starren Punktesystem keinen Platz.
Wenn das System klüger sein will als die Praxis
Viele Produzierende standen vor der gleichen Frage: «Treffe ich den fachlich richtigen Entscheid – oder den, den das System belohnt?»
Wer zu lange wartete, verlor Punkte.
Und wer Punkte verlor, verlor Beiträge.
Also wurden teilweise Zuckerrüben bei schlechtesten Verhältnissen aus dem Boden geholt – selbst wenn jeder wusste, dass der Boden darunter leidet. Anschliessend wurde die Zwischenkultur im Dreck bei schlechten Bedingungen eingesät. Sie hatte kaum Chance zu wachsen. Aber wachsen musste sie gar nicht. Entscheidend war nur, dass sie rechtzeitig im Boden war.
Das Resultat ist ein Lehrbeispiel dafür, was passiert, wenn eine gut gemeinte Massnahme von einem System gesteuert wird, das auf einem Datum statt auf Erfahrung schaut: Bodenschutz wird zur Pflichtübung. Und die Pflichtübung wirkt im schlimmsten Fall bodenschädigend.
Wenn eine Fabrik stillsteht – und das System trotzdem weiterläuft
Es traf beispielsweise auch zu, als die Zuckerfabrik aufgrund eines technischen Defekts plötzlich stillstand. Von einem Tag auf den anderen musste die gesamte Ernte um geplant werden.
Für viele Betriebe verschoben sich dadurch Erntefenster und Lieferzeiten. Manche mussten deutlich später liefern, andere früher. Das kann wiederum Einfluss auf die Produktqualität und den Umsatz der Landwirte haben, weil sich der Zuckergehalt mit jedem Tag senkt, an dem die Rüben auf dem Feld oder im Haufen liegen, statt verarbeitet zu werden. Die Planung war dahin – doch die Stichtage im Programm blieben unverändert.
Die Botschaft des Systems war klar:
«Egal, was passiert. Der Termin gilt.»
Dabei zeigt gerade ein solches Ereignis, wie dringend flexible und praxisnahe Entscheidungen eines handlungsfähigen Landwirten wären.
Mehr Erfahrung und Vernunft – dem Boden zu Liebe
Das Problem ist nicht die Zwischenkultur. Sie bleibt fachlich sinnvoll und langfristig wichtig.
Das Problem ist ein System, das Glaubwürdigkeit über Daten, Praxis und Bodengesundheit stellt. Ein System, das Produzierende zwingt, Entscheidungen für die Punkte zu treffen aber entgegen dem eigenen Know-how. Und eines, das Abhängigkeiten schafft, statt Kompetenz und Selbstständigkeit zu stärken.
Wir brauchen eine Lebensmittelbranche, die versteht, dass wir Probleme nicht mit noch mehr Terminen lösen, sondern mit mehr Verantwortung, Zusammenarbeit und Flexibilität.
Landwirtschaft funktioniert nicht nach Kalenderblatt.
Sie funktioniert nach Boden, Erfahrung und Vernunft.
Und genau dort sollten Entscheidungen wieder beginnen.
